Heute werden wir uns an den letzten Teil des Reiseberichts aus dem Jahr 1989 machen, den ich hier mit Teil 2 weiterführte.

Der Sommer war heiß und das lag nicht nur am Wetter. Gerade das Baltikum, also Lettland, Litauen und Estland waren damals ein heißes Pflaster. Die Unabhängigkeitsbewegung war auf ihrem Höhepunkt und weder Demonstranten noch die offiziellen Organe schenkten sich irgendwas.

Es kam immer wieder zu offenen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrationsteilnehmern, die für die Unabhängigkeit des Baltikums von der Sowjetunion stritten und den Einheiten des sowjetischen Innenministeriums.

Irgendwann im August 1989, als es auch im Rest des Ostblocks schon brodelte, stand ein Ausflug nach Riga, Hauptstadt von Lettland, an.

Auch wenn die sowjetischen Einflüsse unverkennbar waren und der Zustand Rigas so war, wie man ihn wohl auch heute aus der Zeit noch kennt, war die Stadt beeindruckend schön. Schade eigentlich, dass es sich in den ganzen letzten Jahren nicht ergeben hat, sie noch einmal zu besuchen.

Die klassische Architektur der Innenstadt war wirklich schön. Beeindruckend und somit im Gedächtnis geblieben ist die große Markthalle, durch die wir damals gestreift sind. Ein toller Ort und natürlich die Fußgängerzone im Zentrum der Stadt.

Nicht weniger beeindruckend als die große Stadt war dann noch ein astronomisches Ereignis, das ich so noch nicht gesehen hatte und in dieser Form auch bis heute nicht mehr gesehen habe. Eine besondere Konstellation des Mondes, unser recht nördlicher geografischer Standpunkt und das Sommerwetter führten in den Augusttagen kurz vor unserer Abreise dazu, dass der Mond nicht nur besonders groß erschien sondern auch in einer dunkelroten Farbe am Himmel zu sehen war, wie man sie sicherlich nicht so oft zu sehen bekommt.

Kurz nach diesem astronomischen Highlight war die Zeit der Abreise gekommen und es ging wieder zurück nach Minsk. Das war der Moment, wo ich ein für alle Mal der russischen Küche abschwören musste. Unsere Gastgeber hatten sich sicher mehr als größte Mühe gegeben, aber was da an klassisch weißrussischer Küche auf die Teller kam, konnte mich nicht überzeugen und führte dazu, dass ich bis heute um russische Restaurants einen größeren Bogen mache.

Wir verbrachten dann die letzte Nacht bevor es zurück auf die Schiene und Richtung Berlin gehen sollte in einem für damalige Verhältnisse durchaus guten Hotel. Die Ereignisse der letzten Wochen hatten bei einigen von uns diverse Fragen aufgeworfen, die natürlich offiziell nicht so beantwortet wurden, wie wir uns das vorgestellt hatten.

Wir hatten allerdings eine ganz wunderbare und dazu noch gut aussehende Übersetzerin während der Zeit. Die wiederum erklärte uns, dass sie uns schon noch erklären würde, was denn so los sei. Allerdings erst später. Wir verabredeten uns dann auf unserem Hotelzimmer. Zu ziemlich vorgerückter Stunde kam sie dann auch zu uns neugierigen Bengeln ins Hotelzimmer und fing an völlig belangloses Zeug zu erzählen.

So jung man damals war, so dämlich war man auch… jedenfalls solange bis die Person, deren Schuhe das Licht durch den Spalt unter der Tür unterbrochen hatten, weg waren und die nette Übersetzerin uns die kompletten politischen Verhältnisse und Zerwürfnisse der späten Sowjetunion erklärte. Die Nationalhymne eben dieser schon im Zerfall befindlichen Sowjetunion war schon lange vorbei, beendete sie doch immer den Tag im sowjetischen Fernsehen, als die nette junge Dame uns komplett verwirrt aber mit geöffneten Augen verließ. Wer die neugierige Person da vor der Hotelzimmertür war, blieb ein Geheimnis… Ich denke aber schon, dass es sich um die Turnschuhe eines der beiden uns begleitenden Lehrer für Sport und Staatsbürgerkunde gehandelt haben könnte… aber alles nur Spekulation.

Die Rückkehr per Zug in die Hauptstadt der DDR, wie Berlin ja offiziell bezeichnet wurde, war dann ziemlich so, wie die Hinfahrt… nur die sowjetischen Grenzbeamten hatten nachts um 2.00 Uhr irgendwie mehr Bock den Zug zu filzen als auf der Hinfahrt.

Ende der wilden Fahrt und Spekulationen, wem denn Schuhe auf der anderen Seite der Hoteltür gehörten, war dann auf dem Berliner Bahnhof der Kiosk, der morgens um 8.00 Uhr seinen kompletten Tagesvorrat an Limo und Bockwurst verkauft hat, weil ausgehungerte Kids aus einem Zug gefallen waren und einfach nicht anders konnten, als was Ordentliches zu essen.

1989 … Beginn einer wilden Zeit. Und der Anfang vom Ende eines Systems. Ein System, dass wohl wenige so überzeugte Anhänger hatte, wie meine damalige Deutschlehrerin. Die wiederum erwartete im Nachgang, sprich im neuen Schuljahr, eine ausgiebige, systemtreue und positive Auswertung der beschriebenen Reise.

Und heute, mehr als 25 Jahre später, werde ich auch erklären, warum ich mich genau dagegen wehrte. Die ganze Reise führte dazu, dass der kleine Bengel aus der Provinz mit offenen Augen und vollem Kopf wieder heimkehrte und alles, was bis dato wie fest betoniert dastand, auf einmal in Frage stellte. Das System, die Umstände, die Zukunft … und auch all jene, die das System propagierten… und weil ich damals einfach der Meinung war, dass ich die erwarteten Aussagen nicht machen wollte und die von mir gewollten Aussagen nicht oder noch nicht machen konnte, hab ich die ganze Reise als privaten Ausflug verbucht und mich jeglicher öffentlicher Auswertung verweigert.

Der Herbst 1989 und die weitere Zeit haben ja das bestätigt, was man im Sommer 1989 schon voraussehen konnte…