Der Prolog ist schon eine Weile her in dem ich die nun folgenden Zeilen ankündigte. Im Prolog zu den folgenden Aufzeichnungen habe ich ja schon kurz erklärt, worum es geht. Alle versuchten ja im nun hinter uns liegenden Jahr 2014 das Jahr 1989 auszuwerten. Aus dem Jahr in das ich noch unbedarft startete sollte einiges passieren, dass mich zum ersten Mal im Leben über das große Ganze nachdenken ließ.

Das alles konzentrierte sich auf ein paar Wochen im August.

Begonnen hat alles allerdings schon im Mai. War man auserwählt eine Reise in das befreundete osteuropäische Ausland anzutreten, die mich und eine relativ große Anzahl weiterer junger Menschen in die Sowjetunion führen sollte. Erst ins weißrussische Minsk und dann weiter ins südliche Lettland nach Daugavpils. Bis vor kurzem war ich noch der Meinung es wäre Kaunas gewesen, das allerdings liegt in Litauen und dieser Stadt haben wir nur einen Besuch abgestattet. Fangen wir aber im Mai an.

Die alljährlichen Frühlingsferien im Mai wurden im Jahr 1989 zu einer Vorbereitungswoche für die im Sommer stattfindende Reise. Man lernte die zukünftigen Mitreisenden schon mal kennen und ansonsten wurde die Zeit genutzt, um diverse Abläufe für die damals als relativ normal empfundenen Appelle und andere Zeremonien einzuüben. War damals alles ganz normal. Aufstellen, grüßen, alles in der allgemein bekannten Pionieruniform. Viele Erinnerungen an diese Woche habe ich allerdings nicht mehr. Soviel Erinnerungswürdiges hat da wohl auch nicht stattgefunden. Die Woche in Göhren auf Rügen in einem typischen DDR Ferienlager war allerdings auch nicht traumatisch.

Die Zeit bis zum Reiseantritt verbrachte ich dann in der Schule in Wolgast, in der noch alles wie immer funktionierte und in der von den späteren Ereignissen des Jahres 1989 noch nichts zu merken war. Nach den ersten Wochen der Sommerferien ging es dann Ende Juli/Anfang August los. Die Reisenden trafen sich alle in Berlin am guten alten Ostbahnhof, an dem wir dann pünktlich zu meinem Geburtstag Ende August auch wieder eintrafen.

Wie sich einige vielleicht erinnern, waren die Züge immer mit Schlafwagenabteilen ausgestattet, was ganz nett war und so teilte man sich schon mal zu viert ein Abteil, meistens mit den Leuten, mit denen man sich im Mai schon angefreundet hatte. Die Reise ging dann quer Richtung Osten durch die DDR und in Frankfurt Oder dann schwupps nach Polen. Viele wissen, dass das Verhältnis der DDR Oberen zu Polen in den 80ern schon etwas angespannt war. Polen öffnete sich mehr nach Westen, als der DDR lieb war. Pepsi Cola und einiges anderes war in Polen Gang und Gebe … die teilweise heruntergekommenen Fassaden quer durch Polen zierten Sympathie Graffitis für Hollywoodfilme … inklusive Sylvester Stallone und seine Rambo Filme.

Polen ist weit und so vertrieb man sich die Zeit mit Kartenspielen. Die sommerlichen Temperaturen sorgten für einiges an Wärme im Zug…

Wie sich der geneigte Interessierte sicherlich auch erinnert, haben sowjetische (heute russische, weißrussische etc) Schienen eine andere Spurbreite als deutsche und polnische. Was zu einem Stopp an der polnisch sowjetischen Grenze führte, genauer gesagt in Brest… alles historischer Boden, darüber lass ich mich aber nicht weiter aus. Brest war also erstmal Halt. Aussteigen war allerdings nicht. Dafür kamen erst polnische und dann russische Grenztruppen und kontrollierten erstmal alles, Papiere, Reisegepäck, Reisende… Dann das technische Prozedere – Anpassung der Wagen an die breitere russische Spur… Irgendwann ging es weiter…

Weiter ging es erstmal durch die weißrussische Sowjetrepublik, heute Weißrussland … bis Minsk … in die Hauptstadt und dort zu einem Zwischenstopp in einem Hotel. Wir erinnern uns – es ist 1989. Vor dem Hotel parkten auffällig viele Fahrzeuge mit Kennzeichen aus der BRD – Berlin, Köln und und und… das wusste man ja, weil man auch in der DDR schon mit den Eltern auf den Transitautobahnen unterwegs war und die Autotypen und Kennzeichen kannte…

Das war nun für den knapp 13jährigen schon ein wenig verwunderlich, wie denn der Klassenfeind soweit im Ost beim großen Bruder rumlungern konnte… aber das nicht ganz untätige Gehirn fing langsam an sich einen Reim auf das Gesehene zu machen…

Weiter ging es dann mit Bussen in Richtung Norden… bei weit über 30°C durch die weißrussischen Weiten ohne Baum und Strauch… nur riesige Felder auf den die bekannten Belarus Traktoren ihre Bahnen zogen… ich dachte, ich würde Felder aus der LPG Landwirtschaft der DDR kennen… schwer getäuscht… die Felder in Weißrussland waren unendlich größer… die Großväter werden sich erinnern…

Irgendwann kamen wir dann auch an in Daugavpils… mitten in einer Wohnsiedlung am Rande der Stadt gab es ein Ferienlager, das denen in der DDR sehr ähnlich war. Daugavpils war und ist nach Riga die zweitgrößte Stadt Lettlands mit damals ca. 124.000 Einwohnern. Typisch sowjetisch aber irgendwie auch baltisch… Das Ferienlager war nicht spartanisch aber praktisch eingerichtet… allerdings war der Appellplatz im Vergleich zur Größe des Ferienlagers klein… anders war das in Göhren auf Rügen im Mai gewesen… selbst da musste sich die kleine DDR an den großen Bruder anbiedern.

Was mir dann weiter in den nächsten Wochen begegnete, lest Ihr dann in den nächsten Posts…