Ein bisschen im Kopf gekramt – Zweiter Teil

Apr 1, 2015

Langsam wird es Zeit, dass ich mal wieder im Kopf krame und Teil Zwei des Sommers 1989 niederschreibe. Im ersten Teil der kleinen Geschichtsreihe sind wir ja bis ins Ferienlager von Daugavpils gekommen.

Lasst uns da wieder ansetzen.

Wie schon erwähnt, waren die Zimmer im Ferienlager eher sowjetisch spartanisch eingerichtet. Betten, Spinde, Stühle, Tisch… Ende. Nicht schlimm, das war völlig in Ordnung. Selbst als geborener Ossi hätte man sich vielleicht eine Kühlmöglichkeit für Getränke gewünscht… im August bei 30°C … aber gut, das war nebensächlich…

Die ersten Tage waren mit Kennenlernen, ein paar gemeinsamen Aktivitäten mit den lettischen Kids und halt ein bisschen vom typischen Ideologiekram geprägt. Alles sehr harmlos und nicht sonderlich erinnerungsbedürftig.

Was allerdings sofort auffiel waren die abendlichen Musik- & Tanzveranstaltungen. Die sowjetischen Freunde genossen zu dem Zeitpunkt ja schon Gorbatschows Glasnost und Perestroika … und Modern Talking … ob das nun Grund für den vorläufigen Untergang der Großmacht war, also Modern Talking, will ich mal unkommentiert stehen lassen. Die DDR-Kids jedenfalls waren ob der massiven Präsenz westlicher Popular-Musik überrascht.

Der Zaun solcher Ferienlager ist übrigens ziemlich löchrig… das führte dazu, dass allabendlich auch Jugendliche aus der Nachbarschaft zu den Popmusikvorführungen zugegen waren. Die Freude der Nachbarschaftsjugendlichen währte allerdings nicht allzulange. Plötzlich tauchte eines der typischen sowjetischen Polizeifahrzeuge auf und diesem entsprangen 4 sowjetische Milizionäre.

Diese sortierten mit einer Sicherheit genau die Kids und Jugendlichen aus, die aus der Nachbarschaft stammten und das nicht gerade zimperlich mit Hilfe ihrer Schlagstöcke. Das wiederum verschreckt natürlich den Halbwüchsigen aus der DDR-Provinz … also mich.

An einem Vormittag brachen wir zu einem, und zum Glück einzigen, obligatorischen Propaganda-Ausflug auf. Ziel war eine industrielle Weberei, die allerlei Gewebe und Stoffe produzierte. Die junge Dame, die die Führung unserer Gruppe übernahm war ausgesprochen sympathisch, was das Interesse der Halbwüchsigen an spätsozialistischen Produktionsprozessen allerdings nur bedingt steigern konnte.

Oder anders, wir waren froh, als es vorbei war.

Was mir ebenso noch sehr präsent im Kopf geblieben ist, sind die Besuche auf den Märkten von Daugavpils. Was es dort zu Hauf gab, waren Melonen und Gold. Wir haben in diesem Sommer soviele Wassermelonen in verschiedensten Sorten gegessen, dass wir dachten, wir würden im Rest unseres Lebens nie wieder welche anrühren. Dem war natürlich nicht so, ich mag Wassermelonen heute genauso wie früher.

Und was war jetzt mit dem Gold? Jaaaaa…. das war natürlich sehr verwunderlich… diverse Mütterchen saßen da, mit Goldschmuck in typisch sowjetischer Aufmachung. Rotgold, Gelbgold, Weißgold… das volle Programm. Wie die da rangekommen sind, keine Ahnung, ob das echt war, keine Ahnung… Ich war knapp 13 irgendwo weit im Osten… ich war mit diversen Dingen überfordert.

Was allerdings immer ging, war sowjetisches Speiseeis. Da bleibste echt drauf backen… das Zeug geht heute noch…

Was einem auch noch auffiel war der Hang der Kids zum Tabak… zu der Zeit rauchten selbst die 11- und 12-jährigen und das sogar mitten in der Öffentlichkeit im Ferienlager. Man wusste ja, dass die sowjetischen Freunde einen Hang zum Tabak hatten… aber dass das so akut war, überraschte dann doch wieder…

Wir erinnern uns kurz, wir sind im Sommer 1989. Heute kein Geheimnis mehr, es ging der Sowjetunion alles andere als gut und es brodelte im Innern und besonders im Baltikum. Dazu aber im nächsten Teil der Geschichte.

Hier noch eine kurze Episode, die uns mehr als geschockt hat.

Die Mahlzeiten gab es in einem großen, hellen Bau, der einzig als Küche und Speisesaal diente… allerdings war auch der wegen der großen Glasfronten und den sommerlichen Temperaturen gut aufgewärmte Speisesaal zu der Zeit nicht die beste Umgebung für Mahlzeiten.

Typisch russisch gibt es immer und zu jeder Tageszeit Tee. Den gab es auch reichlich.

Nun begab es sich, dass der Speisesaal in eine Hälfte für die lettischen/russischen Kids und eine Hälfte für uns Deutsche getrennt war. Im ersten Moment war das jetzt alles nicht so wirklich auffällig. In dem Moment, wo wir aber merkten, dass nur wir Zucker zum Süßen auf unseren Tischen hatte, wurde uns merkwürdig.

Wirklich großartig war allerdings, dass wir irgendwie, zum Unmut der russischen und ein bisschen auch unserer Betreuer, menschlichen Aktionismus entwickelten. Wenn ich mich recht erinnere, standen alle von uns auf und teilten den Zucker, den wir reichlich und unsere Gastgeber gar nicht auf den Tischen hatten. Warum das? Es gab einfach nicht genug Zucker für alle, und weil sich unsere Gastgeber nicht die Blöße geben wollten, stellte man nur uns welchen hin.

Selbst, wenn ich heute so zurückdenke, bin ich noch ein bisschen stolz auf diese Aktion.

Soviel für heute. Beim nächsten Mal geht’s auf einen Ausflug nach Riga in die Hauptstadt von Lettland.