Ich habe lange nach einem Aufhänger gesucht, um meine Gedanken zu den Ereignissen der letzten Woche in Paris in einen Text fassen zu können. Als ich eben noch einmal meine Tweets dieser Woche durchsah, fiel dabei folgender ins Auge:

Vorab: Ich verurteile jeglichen politischen, religiösen und anderen Extremismus und Terrorismus.

Ich komme allerdings auch nicht damit klar, wenn Ereignisse instrumentalisiert werden. Egal welche und egal durch wen und wofür.

Was da in Paris in dieser Woche passiert ist, ist in meinen Augen abscheulich. Da rennen Personen, bei denen im Leben einiges schief gegangen ist, wer und was auch immer Grund dafür gewesen ist, rum und töten Menschen und nehmen Geiseln. Und das alles für ein eher diffuses nicht mit rationalen Ansätzen greifbares Ziel. Das ist besonders schlimm, weil es solche Leute fanatischer und unberechenbarer macht.

An dieser Stelle ein Dank an die vielen Polizisten, die die Ereignisse beendet haben. Viel zu oft drängen sich nämlich in meinen Augen im Nachgang Personen in den Vordergrund, die gerne vergessen genau das zu sagen. Danke an die zu wenigen Polizisten, in Frankreich, wie in Deutschland, die mit ihrem Dienst auf der Straße und am Bürger für Sicherheit sorgen.

Und jetzt? Es passiert natürlich das, was zu befürchten war. Die Ereignisse werden instrumentalisiert. Dabei geht es mir nicht um die Abertausenden, die für die Werte, die in Paris angegriffen wurden, auf die Straßen gehen und für ihre Überzeugungen demonstrieren und meine vollste Unterstützung haben. Meinungsfreiheit, Frieden, Menschlichkeit, Freiheit zum Beispiel.

Mich brechen vor allem die an, die jetzt mit riesigem Tamtam für sich reklamieren, was sie verspielt haben oder uns lieber jetzt als später wegnehmen wollen.

Richard Gutjahr bekommt den Mund nicht mehr zu. Der Bundesverband der Zeitungsverleger beißt sich in den Zug der Ereignisse und will uns ganz ehrlich erklären, dass die Deutschen Zeitungen die Flaggschiffe der Meinungsfreiheit und Wahrheit in Deutschland sind. Ich komm aus dem Lachen schon nicht mehr raus… Deutsche Zeitungen sind das Sprachrohr der Politik und die Speichellecker der Anzeigenkunden, nicht mehr… Sehr schön hat das Ganze Stefan Niggemeier analysiert. Schöner und besser, als ich es könnte. Ich neige ja zu innerem Feuer, wenn mich etwas nervt, ohne, dass ich es gleich rauslasse.

Mich wundert das alles nicht. Auch nicht die unsägliche Karikatur, die die Pariser Attentäter auf eine Stufe mit PEGIDA stellen, die ich hier auch nicht abbilden werde, man sieht sie unter anderem bei Richard Gutjahr.

Und die Politik? Die macht das, was sie seit Jahren am besten kann. Phrasen dreschen von Meinungsfreiheit verteidigen und alles nicht so schlimm. Und im Hinterzimmer ihre Süppchen kochen, wie gewohnt. Nur die Leute, das Volk, die Menschen, die werden nicht abgeholt, nicht aufgeklärt… warum auch, dumm und laut aber satt ist immer noch besser als aufgeklärt und mündig.

PEGIDA ist nicht richtig. Weil PEGIDA undifferenziert, unaufgeklärt und populistisch ist. Weil es Menschen fängt, die gar nicht das meinen und wollen, was da propagiert wird. PEGIDA kann nur ausgetrocknet werden, wenn man den Menschen zuhört, die da mitlaufen und ihre Probleme und Ängste wenigstens anhört und ernst nimmt.

Und dann heißt es aufklären, aufklären und aufklären…aber nicht von vornherein für dumm erklären.

Was uns in diesem Zusammenhang auch nicht weiterhilft ist diese typische Massenarroganz, die sich seit Wochen im Netz dokumentiert. #schneegida war da ein plakatives Beispiel. Und jetzt ganz aktuell #jesuischarlie . Es bringt nichts, sich pseudointelligent im Netz zu produzieren und seine Sprüche bei Twitter usw. zu posten. Schon gar nicht, wenn sich damit einfach nur an den neuen Trend gehangen wird, der gerade angesagt ist und der so aussieht, als wenn man damit ein bisschen Bestätigung von den anderen Mitläufern bekommt…. und das alles während man mit seinem Smartphone im Café hockt und total korrekt seinen Soya Tchai Latte trinkt.

Huch…jetzt aber zurück zum zitierten Tweet. Der zeigt nämlich, was hier wirklich los ist. Raif Badawi ist Blogger… und weil das dem Regime in Saudi Arabien nicht passt, was er da macht und was er da so veröffentlicht, verurteilt man ihn zu Haftstrafe und Peitschenhieben in vierstelliger Anzahl. Und wofür? Naja, die, die ihn verurteilt haben, werfen ihm vor den Islam beleidigt zu haben und eine Webseite aufgebaut zu haben, die sich mit notwendigen Veränderungen in Saudi Arabien beschäftigt. Saudi Arabien ist übrigens das Land, in dem Frauen nicht mal Auto fahren dürfen. Saudi Arabien ist aber auch das Land, dem die deutsche Wirtschaft und Politik mal gerne Waffen verkauft, damit die Saudis damit wiederum andere Unrechtstaaten unterstützen und vielleicht auch die eine oder andere Terrororganisation.

Wir haben also ein Problem. Die, die sich in dieser Woche aus den Reihen der regierenden Politik hingestellt haben und was von Verteidigung der Meinungsfreiheit schwafelten, unterstützen hintenrum die, die diese am liebsten heute als morgen abschaffen würden… irgendwas ist hier ganz mächtig faul.

Und am Ende dieses Post nehme ich mir das Recht heraus folgendes zu schreiben: Ich habe kein Problem mit Religion, solange man mich damit in Ruhe lässt. Ich habe somit auch kein Problem mit dem Islam und schon gar nicht mit Muslims. Wir sollten uns alle viel öfter bei ner schönen Tasse Tee und ner Zigarette zusammensetzen und uns unterhalten. Das ist schön und macht das Leben angenehm.

Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn etwas Irrationales wie Religion, egal welche, dazu benutzt wird um menschliches Fehlverhalten, krankes Machtstreben und die Unterdrückung von Menschen zu rechtfertigen. Und hier hat der Islam ein ganz gewaltiges Problem, nämlich mit Menschen, die ihn für sich zum Instrument der Erklärung von Gewalt und Unterdrückung machen. Ich denke allerdings, dass dieses Problem nur aus der Mitte der muslimischen Glaubensgemeinde heraus gelöst werden kann und der Wille dazu wachsen muss. Das mussten die Vertreter der christlichen Kirche auch lernen und haben es gelernt, und das schon einige Jahre früher. Man muss einfach auch mal was einstecken können. Wenn der eigene Gott so groß ist, dann kann der auch mal nen derben Scherz ab.

Und wir aus der angeblich aufgeklärten und freiheitlichen westlichen Welt sollten uns wiederum überlegen, was wir mit unserer Politik den Menschen im Irak, Gaza, Syrien, Iran, Afghanistan, Afrika und vielen anderen Krisengebieten in den letzten 50 Jahren angetan haben und ob wir nicht an diversen Entwicklungen sehr viel Mitschuld tragen.

Und das jetzige Problem lösen wir nicht, indem wir Daten- und Straßenverkehr überwachen. Das noch an die Sportfreunde der CSU.