Bei manchen Gegebenheiten weißte nicht, ob das ernst gemeint oder schon Verzweiflung ist. Werbemails und Werbeanzeigen am internationalen Frauentag gehören eindeutig dazu. Mittlerweile hatte ich wirklich die Hoffnung, dass der ganz billige Klischeekram Geschichte ist. Vom Gegenteil überzeugte mich zum einen eine Mail mit dem Betreff „Let‘s celebrate International Womensday with 20% off“. Dabei ging es um Dekoartikel zur Wandverschönerung. Muss man den internationalen Frauentag wirklich merketingtechnisch behandeln wie den kitschigen Valentinstag? NEIN!

Den Vogel allerdings hat ein Onlineshop für Messer und Outdoorartikel abgeschossen, der in seiner Anzeige bei Instagram oder Facebook wirklich ein Klappmesser mit rosa (!) Griffschalen abgebildet hat. Meine Reaktion war der klassische Facepalm.

Ich hoffe jetzt einfach mal inständig, dass die geneigten Leserinnen keinen Kaufreiz bei einem rosa Klappmesserchen verspüren… nicht wegen des Messers… aber wegen der bescheuerten Farbgebung.

Das ganze ließ mich aber einen Gedanken zurückgewinnen, der schon etwas länger in meinem Hinterkopf schlummerte. Es war im letzten November. Ich hörte ein Radio-Feature zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ auf NDR Info … im Auto… auf dem Weg nach Haus. Während der ganzen Sendung wartete ich auf den in meinen Ohren (wegen Radio) zwangsläufigen Vergleich der Frauenrechtsentwicklung nach 1949 in beiden deutschen Staaten. Ich wartete aber vergeblich. Es wurden einzig die Gegebenheiten in der BRD bis 1990 betrachtet und dann die Entwicklung nach 1990 im vereinigten Deutschland.

Das alles fand ich ein bisschen kurz gegriffen und ich tat in der Folge etwas, was ich sehr sehr selten mache, ich schrieb meinen Gedanken in eine Email und sendete diese an den NDR. Und siehe da, ich erhielt kurze Zeit später eine Antwort.

Die war jetzt schon erhellend und ich möchte zitieren:

„Sehr geehrter Herr Scheider,

Sie haben völlig recht. Selbst der Beitrag, der an die Einführung des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren erinnert, endet mit einem Blick auf die westliche Seite der Entwicklung, die östliche kommt nicht vor. Auch das vertiefende Interview mit der Journalistin Inge von Bönninghausen bezieht sich bei der Bewertung  (“was ist erreicht, was fehlt”) allein auf die Bundesrepublik.

Insofern sind wir sehr dankbar für Ihren Hinweis. Es passiert tatsächlich immer wieder, dass Kollegen, die  wie ich im Westen geboren und aufgewachsen sind, diese Perspektive wie selbstverständlich als das “ganze Bild” nehmen. Für die nötige Korrektur sorgen manchmal die NDR-Kollegen mit Ost-Biographie und aufmerksame Hörer wie Sie.

….“

Das war alles. Und zeigt irgendwie schön, wie einige, viele (?) Journalisten drüben zu ticken scheinen. Alles hinter dem eigenen Gartenzaun scheint manchmal irgendwie nicht stattgefunden zu haben. Eine Geschichte im Osten? Gab es die? Das war doch eh nur Stasi…

Leute, Leute, Leute… ich bin mit Sicherheit keiner derer, die sich Medien- und Journalistenbashing zum Hobby gemacht haben… aber die Mail war, so nett sie gemeint war, eine Offenbarung dieses jounalistischen Innenlebens…

Aber, und das sei positiv festgestellt, mein Name wurde richtig geschrieben.

Und auch der Frauentag 2019 war wieder eine ewige Litannei der inneren Zustände von Politik und Gesellschaft. Argumente in Dauerschleife, wie wenig man doch vorankommt was die Gleichstellung von Frauen und Männern angeht. Talkshows, Interviews und und und… als Krönung gestern die „Redezeit“ auf NDR Info. Vier Frauen, die wild über das Innenleben der Gesellschaft, Frauenquoten und die Tatsache diskutierten, dass Frauen selbst in der Kommunalpolitik unterrepräsentiert sind, weil sie sich für Positionen in den Ortsvertretungen nicht aufstellen ließen…. und wie immer in solchen Veranstaltungen… völlig ergebnisfrei. “Wir haben drüber geredet, es wird nichts passieren.”

Tja… auch ich kann das alles verstehen, mit den Stammtischrunden in denen Ortspolitik „durchgeregelt“ wird, möchten viele Frauen bestimmt nichts zu tun haben, aus gutem Grund.

Und immer wieder drängt sich der Gedanke auf, in welch rückständigen gesellschaftlichen Verhältnissen wir doch leben müssen, bei dem, was einem da in Deutschland 2019 so offenbar wird.

Ungleiche Bezahlung, schlechtere Karrierechancen und so weiter… alles schon irgendwie verwunderlich. Und das alles soll jetzt mit Quotenregelungen und in Brandenburg mit einem Gesetz zur 50:50 Regelung der Verteilung der Wahllistenplätze verbessert werden. Mag gut sein… und funktionieren… oberflächlich.

Ich halte mich teilweise schon für beängstigend naiv, weil für mich ganz persönlich die Gleichstellung und Gleichberechtigung von Männern und Frauen eigentlich keine Frage sondern Grundsatz ist und sein sollte. Umso mehr drückt sich mir immer wieder ein „WTF“ auf, wenn man so mitbekommt, was hier in dem Bezug so an der Tagesordnung ist. Und das fängt bei „komischem“ und respektlosem Verhalten von Männern gegenüber Frauen mit nicht selten mittelalterlichem Rollendenken an und endet bei Ungleichbehandlung in Job und Amt.

Davon abgesehen wünsche ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in (event-)gastronomischen Einrichtungen die nötige Energie und Ausdauer um die diversen Frauentagsfeiern gut zu überstehen…

Jens

Jens

COFFEEPOTDIARY.de | FGW

Das COFFEEPOTDIARY ist mein ganz persönlicher Platz für Entdeckungen, Gedanken und mehr. Entstanden aus der Idee meinen Kaffeekonsum zu dokumentieren ist es mittlerweile ein Blog mit ganz unterschiedlichen Themen.